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Bundesliga 11. Spieltag: Von Bullen, Böcken und ballverliebten Bajuwaren

Mitte November im grauen, herbstlichen Hürth Kalscheuren. Wäre das allein nicht schon Grund genug für eine saftige Herbstdepression, straft einen die FIFA auch noch mit einem zweiwöchigen Bundesligaentzug. Ist Folter nicht verboten? Glücklicherweise hatte ich dann Freitag endlich wieder einen Grund, meine Fötushaltung aufzugeben, meine Tränen zu trocknen und endlich wieder die Bundesliga zu verfolgen.

Die Ouvertüre zur 11. Runde der Saison spielten dabei die beiden mehr oder minder Werksclubs aus Leverkusen und Leipzig. Schon vor Anpfiff sorgten die Leverkusener mit einer Farbbeutel Attacke auf den Leipziger Mannschaftsbus bei geneigten Fußballfachmann für Verwunderung: Seit wann hat die Werkself Fans, die sowas machen? Die enorm kreative „Choreographie“, die in der Bayer-Kurve vor Anpfiff dann präsentiert wurde, ließ den Grad der Verwunderung aber dann sehr schnell schon wieder schrumpfen.

Choreo der Bayer "Fans (Quelle: Kicker.de)
Choreo der Bayer „Fans (Quelle: Kicker.de)

Ob die Leipziger vor Lachen den Anpfiff verpennten oder ob der Energydrink noch nicht wirkte, ist nicht überliefert, in jedem Fall stand es aber nach nicht mal einer Minute schon 1:0 für die heimische Werkself. Diese Führung sollte aber nur 3 Minuten Bestand haben, denn dann bugsierte Julian Baumgartlinger einen Eckball mit einem derart lässigen Hüftschwung ins eigene Tor, mit dem man normalerweise nur Autotüren schließt. In der Folge neutralisierten sich beide Team zunehmend im Niemandsland des Platzes, bis Julian Brandt kurz vor dem Pausenpfiff plötzlich sträflich frei im Strafraum auftauchte und emotionslos wie die Leverkusener Innenstadt zur erneuten Führung vollendete. Nach der Pause scheiterte dann erst Sultan Hakan vom Elfmeterpunkt (mal wieder) bevor die roten Bullen zum Gegenschlag ausholten. Den Anfang machte Emil Forsberg, zu dem die Leverkusener bei seinem 40 Meter Solo mehr Abstand hielten als man es zu einem Baby mit voller Windel im Einkaufszentrum tut. Ähnlich angewidert ließ Bernd Leno dann auch seinen Schuss zum Ausgleich ins Tor fallen. Zu allem Überfluss, zumindest aus Leverkusener Sicht, gelang Willi Orban, Kapitän der Rasenballsportler, dann in der Schlussphase auch noch per Kopf das 3:2 und somit den sechsten Sieg in Folge für sein Team. Die Pillen hingegen bleiben weiter unkonstant und somit im Mittelmaß der Tabelle stecken.

In den gleichen Gefilden treiben sich auch der FSV Mainz 05 und der SC Freiburg rum, die am Samstag in Mainz aufeinander trafen. Wer hier Spektakel erwartete, ich gehörte im Vorfeld nicht dazu, wurde definitiv nicht enttäuscht. In einem rasanten, mit Torraumszenen gespickten Spiel führten die 05er zur Halbzeit nicht unverdient mit 2:0, ließen dann aber etwas den Schlendrian einkehren, sodass der SCF durch einen sehenswerten Schlenzer von Grifo wieder herankam. Bell stellte 10 Minuten vor dem Ende dann zwar den alten Vorsprung wieder her, wurde aber nahezu postwendend von Edel-Joker Petersen gekontert. Danach schmissen die Freiburger alles nach vorne, wurden in der Nachspielzeit aber nur noch mit dem Tor zum 4:2 Endstand „belohnt“. Für die Mainzer ein hart erkämpfter Heim-Dreier, für die Freiburger der erneute Beweis, dass Unentschieden nichts für sie sind (5 Siege, 6 Niederlagen).

Mit genau diesem Resultat, einem Unentschieden, hatte so mancher im Vorfeld des Spiels Darmstadt gegen Ingolstadt gerechnet. Die beiden Überraschungsteams der Vorsaison traten in Darmstadt vor einer Kulisse an, die weniger an Bundesliga und mehr an ein Spiel zwischen Hilal Maroc Bergheim gegen Viktoria Thorr im Lukas Podolski Sportpark erinnerte. Allerdings wäre selbst da wahrscheinlich mehr Stimmung gewesen.

Tristesse in Darmstadt (Quelle: Kicker.de)
Tristesse in Darmstadt (Quelle: Kicker.de)

Das Spiel passte sich der Kulisse dann an und trieb sicherlich den ein oder anderen Zuschauer zu verrückten Gedanken, wie man einen Samstag besser verbringen könnte – beispielsweise mit Frau und Kind zuhause (ok, das ist vielleicht doch etwas abwegig). In der 68. Minute fasste sich Moritz Hartmann dann aber ein Herz und versenkte einen Schuss, der aus dem Liebesspiel zwischen einem Lupfer und einem Vollspannschuss entstanden sein muss, im Darmstädter Tor. Ob das diese Stimmungverbesserung ist, von der Neutrainer Walpurgis bei den Schanzern gesprochen hat? In jedem Fall reichte dieser Geniestreich zum ersten Saisonsieg des FCI in einer erschreckend schwachen Bundesligapartie.

Den ersten Heimsieg der Saison hatte sich auch der VfL Wolfsburg vorgenommen. Dumm nur, dass mit dem FC Schalke ein Team zu Gast war, dem man getrost ein Momentum zugestehen kann. Und genau dieses nutzten die Knappen aus Gelsenkirchen nach einer ersten Halbzeit, die etwa so aufregend war wie ein Schülerbetriebspraktikum im Katasteramt. Denn nach der Pause drängten sie die Wölfe mehr und mehr hinten rein, ohne allerdings zu wirklich zwingenden Torchancen zu kommen. Als dann die Pfeife des Schiedsrichters bei einem klaren Foul im Strafraum gegen Höwedes stumm blieb, wurden die Schalker wütend und erzwangen so in der 82. Minute den 1:0 Siegtreffer durch Goretzka. Die Verwertung der Flanke mit Links war dabei technisch so anspruchsvoll, dass Otto-Normalverbrauchen den Ball wohl entweder aus dem Stadion geprügelt oder sich selbst eine karrieregefährdende Verletzung zugezogen hätte. Also Hut ab Herr Goretzka.

Den Hut ziehen muss man auch vor dem, was der 1. FC Köln diese Saison auf den Platz bringt. Im ehemaligen Chaos Verein mit betrunkenen Verfolgungsfahrten im Gleisbett der Straßenbahn (Gruß an Miso Brecko) herrscht mittlerweile mehr Ruhe als bei einem Kongress der Taubstummen. Naturgemäß wird diese Ruhe aber zweimal jährlich durch das rheinische Derby gegen die Fohlen aus Mönchengladbach unterbrochen. Für beide Teams kein Spiel wie jedes andere, vor allem in Anbetracht der zuletzt 5 sieglosen Spiele in Folge auf Seiten der Gladbacher. So wunderte es auch nicht, dass die Fohlen wie von der Tarantel gestochen loslegten und den FC so ziemlich überforderten. Folgerichtig gingen sie dann auch durch Stindl hochverdient in Führung. Diese fiel zur Pause nur nicht noch höher aus, weil Horn-Vertreter Kessler einen herausragenden Job machte. In der zweiten Halbzeit änderte sich an der Feldüberlegenheit der Gladbacher nur wenig, auch wenn die Geißböcke durchaus mutiger wurden und durch Modeste glücklich ausgleichen konnten. Nachdem das Heimteam in der Folge noch zahlreiche Chancen liegen ließ, stellten sich alle beteiligten auf ein friedliches Remis ein, als sich Marcel Risse in der Nachspielzeit den Ball etwa 35 Meter vor dem Tor für einen Freistoß zurecht legte. Jeder rechnete mit einer klassischen Risse Flanke zum Torwart oder ins Seitenaus. Aber Anthony Modeste, der fleischgewordene Lauf eines Torjägers, empfahl Risse einfach draufzuhalten. Gesagt, getan. Derbysieg gegen haushoch überlegen Gladbacher, die noch tiefer in die Krise rutschen. In Köln heißt es hingegen: Vergesst CR7, MR7 ist die neue Marke.

Derbyhelden unter sich (Quelle: Sport.de)
Derbyhelden unter sich (Quelle: Sport.de)

Auf ein solches Highlight wartete man in Augsburg beim Spiel gegen die Hertha aus Berlin vergeblich. In einer von den Defensivreihen dominierten Spiel machte die alte Dame aus Berlin den insgesamt besseren Eindruck, scheiterte aber eins ums andere Mal am sehr gut aufgelegten Keeper des FCA, der so das zweite Mal in Folge die Null hielt und seinem Team so einen nicht unverdienten Punkt sicherte. Die Berliner gingen zu spät ins Risiko und mussten sich so mit einem Punkt begnügen, stehen aber mit 21 Punkten nach 11 Spielen weiterhin sehr gut da.

Noch besser, nämlich an der Tabellenspitze nach 10 Spieltagen, stand quasi selbstverständlich der Klassenprimus aus München da (Quelle Titelbild: Sportschau.de). Im Rahmen des Topspiels des Spieltags wartete diesmal aber mit dem Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund ein harter Brocken auf den Rekordmeister. Wieso einige Medien bei diesem Spiel auch vom deutschen Clasico oder „dem Klassiker“ reden, ist mir übrigens absolut schleierhaft, denn wirklich auf Augenhöhe begegnen sich beide Teams erst in den letzten Jahren. Und man spricht ja schließlich auch beim Kampf Apple vs. Android nicht vom Klassiker, oder? Nichtsdestotrotz hat das Spiel natürlich den Namen Topspiel verdient,  wobei man sagen muss, dass sich augenscheinlich nur der BVB auch so präsentieren wollte. Die Dortmunder agierten sofort hellwach und gingen bereits in der 11. Minute nach einer schönen Kombination in Führung, an deren Ende Aubameyang, Knipser vom Dienst, den Ball am reklamierenden Neuer vorbei ins Tor einschob. Sein anschließender Jubel sollte dann wohl in etwa so viel bedeuten wie: Die Bayern einfach mal wegpumpen. Tim Wiese verdrückte zuhause heimlich eine Träne während er sein 5kg Bisonsteak genüsslich auf dem Grill wendete.

Aubas Pumper-Jubel (Quelle: Sportschau.de)
Aubas Pumper-Jubel (Quelle: Sportschau.de)

Denn genau so spielte der Vizemeister nach der Führung: rigoros und hart (teilweise zu hart, Marc Bartra weiß, dass er gemeint ist) in der Defensive und vorne trotzdem immer wieder präsent. Die Bayern hatten den Ball, wurden aber nur sehr selten wirklich gefährlich. Es wirkte phasenweise so, als hätten die Bayern Spieler einfach keinen Bock sich mit dem niederen Bundesliga-Fußvolk abzugeben. Denn außer Ballbesitz, unzähligen Querpässen und einem Schlenzer vom Altmeister Alonso an die Latte gab es wenig erwähnenswertes beim Rekordmeister. So blieb es am Ende auch beim verdienten 1:0 Sieg des BVB während sich die Bayern die Frage gefallen lassen müssen, ob so ideenlose Auftritte wirklich dem eigenen Anspruch genügen. Die Tabellenspitze ist man jedenfalls vorerst los.

Apropos ideenlos: in der Kategorie spielt der HSV diese Saison in einer ganz eigenen Liga. Nach sieglosen 10 Spielen und Auftritten, die teilweise eher eine Parodie einer Bundesligamannschaft waren, ging es am Sonntag Nachmittag nach Hoffenheim, wo sich unbesiegte Kraichgauer schon auf die Dinojagd freuten. Daher legten sie auch direkt los wie die Feuerwehr, scheiterten aber reihenweise an sich selbst. Und dann passierte das, womit nichtmal die kühnsten Optimisten, beispielsweise jungfräuliche Teenager mit Kondom im Portemonnaie, gerechnet hätten: der Hamburger SV ging in Führung. Kostic brach über links durch, schickte Eisen-Ermin Bicakcic kurz vor der Grundlinie mit einer Finte ins Kino und schob dann gegen Baumann und Süle ein. Aber der HSV wäre nicht der HSV, hätten sie nicht binnen 4 Spielminuten, unterbrochen von der Halbzeit, die Führung aufgrund von Patzern in der Defensive und im Tor gegen einen Rückstand getauscht. Aber diesmal brachen die Hamburger nicht auseinander sondern hingen sich rein und schafften so den durchaus verdienten Ausgleich durch Nicolai Müller. Da Kramaric weiterhin so kläglich scheiterte wie Reiner Calmund beim Hochsprung und auch der Schiedsrichter kurz vor Schluss den HSV nicht mit einem klaren Elfmeter bestrafen wollte, blieb es beim 2:2 und dem dritten Punktgewinn für den Bundesliga Dino. Für die Hoffenheimer eine herbe Enttäuschung, für den HSV hingegen ein Fünkchen Hoffnung in einer bisher miserablen Saison.

Hoffnung ist auch das, was man beim SV Werder Bremen vor dem Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt spürte. Denn sowohl Maserati Max Kruse als auch der Pizzamann Claudio Pizzaro waren endlich wieder fit und sollten die Bremer Offensive beleben.

Bremer Rückkehrer gegen Frankfurt (Quelle: Kicker.de)
Bremer Rückkehrer gegen Frankfurt (Quelle: Kicker.de)

Dies gelang gegen teilweise ungewohnt fahrige Frankfurter durchaus gut, auch wenn die Führung keiner der potenten Offensivakteure sondern Mittelfeldmann Grillitsch besorgte. Die war aber dafür sehenswert, da er den Ball aus 14 Metern mit Wucht ins Kreuzeck nagelte. Im 2. Durchgang brachte Kovac auf Seiten der Eintracht dann Alex Meier und er tat umgehend Alex Meier Dinge: Treffen. Mit dem Ausgleich im Rücken wurden die Frankfurter stärker, scheiterten aber immer wieder an Wiedwald bzw dem Torwart, der sich als Wiedwald verkleidet hatte, denn vom echten Wiedwald ist man Paraden normalerweise ja nicht gewöhnt. Zwar hatten auch die Werderaner noch Chancen, das bessere Ende fanden aber trotzdem die Frankfurter. In der Nachspielzeit vertendelte Kruse unnötig am eigenen Strafraum den Ball, Bundesliga-Debütant Aymen Barkok übernahm und schlenzte den Ball so selbstverständlich ins lange Eck, wie andere Wasser trinken oder auf Toilette gehen. So ging Frankfurt letztlich als Sieger vom Feld während in Bremen der Nouri-Effekt nach vier Niederlagen in Folge wohl endgültig verpufft ist. Nächstes Wochenende wartet das Nordderby gegen den HSV auf die Männer vom Weserstrand. Eins ist dabei sicher: Mindestens eine der beiden kriselnden Mannschaften aus dem Norden wird punkten.

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